Lyrik:
Auf dem Rummel

9. November 2009 um 20:59 | In Pitu, Publikationen | 2 Kommentare | Tags:

Auf dem Rummel

Im Kreis dreht sich
das Karussell
hört unser Rufen nicht
und treibt uns weiter.

Und wenn in unseren Augen
schon die Tränen stehen
und wir angsterfüllt
nach unserer Kinderseligkeit
und unserem Frieden schrein
spielt unbeirrt
und unbarmherzig heiter
die alte Rummelplatzmusik.

(Vergessener Gedichtentwurf vom 30.4.89, eben wiedergefunden)

Die fliegenden Städte (II)

11. September 2009 um 13:01 | In Pitu, Publikationen | Kommentare deaktiviert für Die fliegenden Städte (II) | Tags: ,

Weil es irgendwie zum heutigen Datum passt, greife ich tief in die Archivkiste:

Die Fliegenden Städte

Wir leben seit Jahren schon in Baracken.
Wir haben kein Wasser, kein Essen, kein Licht.
Wir arrangieren uns mit Kakerlaken,
und unsere Kinder kennen die Sonne nicht.

Der Himmel ist ständig wolkenverhangen,
die Asche hat unsere Lungen versengt.
Wir sind in einem Alptraum gefangen
und haben die Strafe selber verhängt.

Wir hungern, doch gibt es elektrischen Strom.
Sie spielen Glenn Miller im Radio.
Wir haben ein großes Loch im Ozon
und immer noch Fernsehen und Video.

Unser Blick ist stumpf. Unsere Köpfe sind leer.
Wir töten Gewissen mit Illusionen.
Wir wissen, es gibt keine Zukunft mehr
und keine kommenden Generationen.

Wir richten uns brav nach Notstandsgesetzen
und wissen nicht, wer die Fäden zieht.
Die Regierungen haben häufig gewechselt,
es macht für uns keinen Unterschied.

Wir finden kein Ziel mehr und keinen Sinn.
Wir sehen den Tod in den Ecken lauern.
Die Atmosphäre ist schon sehr dünn.
Es kann nicht mehr lange dauern.

Und doch haben wir noch nicht ganz aufgegeben,
weil eine Vision uns mit Hoffnung erfüllt.
Wir kämpfen noch immer ums Überleben
und beschwören ein leuchtendes Bild.

Denn oben, weit oben, hoch über den Wolken,
da treiben die Fliegenden Städte im Wind.
Die Sonne scheint warm und erhellt eine Welt,
in der noch glückliche Menschen sind.

Sie werden kommen. Sie werden uns holen.
Und kommen sie nicht, werden wir Flügel bauen.
Vielleicht. Dort könnten wir Frieden finden
und ein vor langem verlerntes Vertrauen.

Wir warten. Weit oben, hoch über den Wolken,
da treiben die Fliegenden Städte im Wind.
Die Sonne scheint warm. Wir können sie spüren.
Vielleicht einmal. Wenn wir gestorben sind.

© 3/89 Olivia Adler

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