Beim Aufräumen habe ich eine mittlerweile 28 Jahre alte Kurzgeschichte wiedergefunden. Damals, 1987, hatte ich noch keinen PC, ich musste mich damit begnügen, im Hertie-Obergeschoss mit anderen um den begehrten Platz am dort ausgestellten Amiga 500 zu kämpfen. Automatisierung und Computerisierung war aber damals schon ein Thema.

Personal Computer

von Olivia Adler

„Das ist deiner. Er gehört dir.“ Ich bekam ihn anlässlich meiner Taufe. Erinnern kann ich mich nicht daran, ich war noch zu klein.

Ich weiß, dass mein Vater diese bedeutungsvollen Worte von sich gab, weil meine Familie natürlich nicht versäumt hatte, eine Videoaufzeichnung von diesem denkwürdigen Ereignis zu machen. Ich habe sie mir oft angesehen, seit ich gelernt habe, das Wiedergabegerät zu bedienen.

Mich selbst kann ich nur schwer wiedererkennen in dem greinenden, in weiße Spitzendecken gewickelten Bündel. Ich glaube, ich hatte kein sonderliches Verständnis für die Feierlichkeit der Veranstaltung. Und dabei war das der wichtigste Augenblick in meinem Leben, der Tag, der mir meine ganze zukünftige Existenz sichern sollte.

Er hat sich nicht verändert seit damals. Ich habe ihn „Silvester“ getauft, und ich hoffe, man verlangt dafür keine sinnige Begründung von mir. Als ich mich vor Jahren entschloss, ihm endlich einen Namen zu geben, hatte ich gerade ein eindrucksvolles Silvesterfeuerwerk erlebt – und so kam ohne weitere Bedeutung der Name zustande.

Mein Freund weiß inzwischen, was er unter Silvester zu verstehen hat. Ich habe früh gelernt, ihn zu programmieren, und wir sind schon fast so etwas Ähnliches wie Brüder. Er muss viel lernen, muss sich immer den neuesten Entwicklungen anpassen, denn schließlich soll er eines Tages für mich arbeiten.

Er begleitet mich überallhin, denn wenn er mich gut vertreten soll, muss er mich natürlich auch gut kennen. Er sieht fast aus wie ein Mensch, auch wenn er das eigentlich gar nicht nötig hätte. Er könnte genauso gut wie eine Kaffeemaschine aussehen, und die Mechanik seiner Arme und Beine ist das, was am häufigsten repariert werden muss. Aber meine Eltern wollten ihn damals so.

Ich könnte ihn immer noch umkonstruieren lassen, aber ich habe mich schon zu sehr an den Anblick gewöhnt. Er könnte sogar mein Gesicht tragen, aber dagegen habe ich mich dann doch gewehrt. Ich wollte keine Maske für ihn. Sein unverkleideter, blank polierter Kopf ist mir lieber. Ich kann mich darin spiegeln.

Da er alles lernt, was für meinen Lebensunterhalt nötig ist, kann ich mich in Ruhe meiner eigenen Ausbildung widmen, dem Gesang, wo meine wahre Stärke liegt. Ich übe sehr viel, und Silvester steht dabei oft neben mir, zeichnet auf, vergleicht, und korrigiert mich auch manchmal. Was künstlerischen Ausdruck angeht, kann er mir natürlich nicht helfen, aber sein Physiologieprogramm ist sehr differenziert und lässt ihn schnell erkennen, wann ich meine Stimmbänder und Kehlkopfmuskeln falsch beanspruche.

Silvester ist ein Verwaltungscomputer. Meine Eltern konnten sich damals keinen Wissenschaftscomputer leisten. Und es ist nun einmal gesetzlich vorgeschrieben, dass der persönliche Computer bei der Geburt, spätestens aber bei der Taufe in die Familie eingegliedert werden muss. Und da ich das dritte Kind war, mussten meine Eltern sich etwas einschränken.

Ich ärgere mich nicht darüber. Ein Verwaltungscomputer muss wenigstens nicht so oft auf den neuesten Stand gebracht werden. Die wissenschaftlichen verdienen zwar mehr, aber fast der ganze Überschuss geht drauf für die ständige Umrüstung auf neue Systeme.

In wenigen Monaten ist es soweit. Ich werde mein erstes öffentliches Konzert geben, und Silvester wird seine erste Anstellung antreten.

Er ist mir ein guter Freund, denn er kann mich nicht betrügen oder hintergehen. Wenn ich Fragen habe oder nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, kann er mir helfen. Ich habe dafür gesorgt, dass er viel Allgemeinwissen gespeichert hat, und dann sucht er nach Präzedenzfällen und schildert sie mir.

Ich habe ihn nicht darauf programmiert, mir immer zuzustimmen. Das wäre zwar angenehm, aber auf Dauer langweilig. Deshalb ist er auch mein ehrlichster Kritiker. Ihm kann ich nichts vormachen. Das schult den Charakter.

Ich bin für ihn verantwortlich. Ihm danke ich es zwar, dass ich nicht zur Arbeit muss, aber ich muss dafür sorgen, dass er immer dazu imstande ist. Er muss regelmäßig geprüft werden, und ich muss darauf achten, dass er immer in bestem Zustand ist.

Einmal darf jeder von uns seinem persönlichen Computer bei der Arbeit zusehen; in der Regel findet das drei Monate nach Arbeitsantritt statt. Ich freue mich schon darauf. Freunde haben mir erzählt, dass Menschen mit diesen Arbeitsplätzen gar nichts mehr anfangen könnten. Unsere Vertreter haben es nicht mehr nötig, sich verbal zu verständigen. Es soll sehr still sein in den Büros und Stationen.

Silvester irrt sich nie. Wenn er Fehler macht, ist es meine Schuld, weil ich nicht genügend für ihn gesorgt habe. Insofern ist es eigentlich unlogisch, dass ich ihn anlässlich meiner Taufe bekommen habe, denn genau genommen bin ich sein Pate und guter Geist.

Ein Leben ohne Silvester? Könnte ich mir nicht vorstellen. Sie etwa? Könnten Sie sich vorstellen, seine Arbeit zu verrichten? Eine Arbeit, die Ihnen monoton vorkommen muss, und die Sie dabei doch nicht annähernd so gut und gründlich ausführen könnten wie er?

Und wo arbeitet Ihrer? Welchen Namen haben Sie ihm gegeben? Ich werde Silvester ein Programm eingeben. Sollte er Ihrem PC begegnen, wird er ihn erkennen und Sie von mir grüßen lassen.

(7.12.1987, geringfügig stilistisch überarbeitet 31.12.2015)

 

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