Die Macht des Klicks, Vidiotie und die Printkrise
14. April 2012 um 17:54 | In Publikationen | Keine Kommentare | Tags: Google, Kolumne, PrintkriseIn den Jahren 2007 – 2009 hatte ich eine regelmäßige Kolumne im PHP Journal. Die Artikel erschienen nur in Print. Für alle, die sie damals verpasst haben, werde ich einige davon nach und nach hier ins Blog stellen:
Die Macht des Klicks, Vidiotie und die Printkrise
Über aktuelle Entwicklungen im Bereich Online- und Print-Publishing
(Erstveröffentlichung im PHP Journal, 3/2009)
“Ein Bild sagt mehr als tausend Worte – wieviel mehr hat dann erst ein ganzes Video mitzuteilen?” sagen sich wohl immer mehr Blogbetreiber und Online-Zeitungen und gehen vermehrt dazu über, Information nicht per Text, sondern ausschließlich per Video zu übermitteln. Egal ob sich der Inhalt dazu eignet oder nicht: wer beispielsweise wissen will, wie ein Produkttest ausging oder wie die Thesen eines Medien-Visionärs lauten, muss sich neuerdings die Zeit nehmen, ein mehrminütiges Video anzusehen. Zusammenfassung in Stichworten? Wird häufig gar nicht erst geboten.
Von der Werbung ganz zu schweigen, die nie berechenbar, aber frei nach Murphy immer im unpassendsten Moment losdröhnt. Das führt am Ende dazu, dass der Ton am Rechner dauernd ausgeschaltet ist und auch erwünschte akustische Hinweise nicht mehr wahrgenommen werden. Woran erinnert mich das nur? Ach ja, die Midi-Musikuntermalung in den 90ern…
Ebenfalls gern geboten werden ellenlange Klickstrecken aus mindestens 20 Bildern, die Krönung sind dann Texte, die als einzelne Bilder zum Durchklicken dargestellt werden. Der Hintergrund ist auch klar: mehr Klicks bedeuten bessere Werbeflächenvermarktung. Aber ob die Rechnung aufgeht, wenn die Nutzer nach dem dritten Klick entnervt aufgeben und lieber auf die Inhalte verzichten? Hand aufs Herz: wieviel Zeit können Sie täglich für Webvideos und Klickstrecken erübrigen? Und wie lange brauchen Sie, um eine Din A4-Seite mit Text zu scannen und die wesentlichen Inhalte zu erfassen?
In letzter Zeit wird wieder häufiger der Tod der Printmedien angekündigt – unter anderem, weil es viel bequemer und effektiver sei, Texte online zu lesen. Davon kann aber keine Rede sein, wenn Online-Informationsangebote in Richtung Pseudo-Fernsehen getrimmt werden. Billiger in der Produktion sind die Online-Angebote sicherlich, aber wenn am Ende nicht mehr die Information im Vordergrund steht, sondern die Klickraten, wird der Leser die Konsequenzen ziehen und auf andere, leserfreundliche Angebote ausweichen.
Umgekehrt kann Fernsehen sogar die Rettung für Printangebote sein – zum Beispiel, wenn es sich um begleitende Publikationen zu TV-Sendungen handelt: laut „Horizont“ Nr. 11 vom 12.03.09 setzen Anbieter von Jugendtiteln jetzt verstärkt auf TV-begleitende Hefte.
Langsam wird es Zeit, neue Vergütungsmodelle für Autoren und Verlage zu finden, die den veränderten Nutzungsgewohnheiten durch Internet und elektronische Lesegeräte besser gerecht werden. Als mögliche Lösung wird beispielsweise eine Kulturflatrate gehandelt, als Ausweitung der GEZ-Gebühren, oder auch „Trinkgelder“, die die Leser freiwillig per Mausklick an die Autoren zahlen, reine Bezahl-Inhalte, oder wie bisher die Finanzierung durch Werbung – möglichst ohne die Nutzerfreundlichkeit auf dem Altar der Klickraten zu opfern.
Die Macht des Klicks ist auch entscheidend für Google: da werden offenbar via Google Docs ganze Bibliotheken online gestellt, kostenlos, obwohl die Veröffentlichung teilweise gegen deutsches Urheberrecht verstößt. Google verdient durch die Masse der kostenlosen Zugriffe, die den Wert seiner Werbeflächen erhöhen. Der Todesstoß durch die Hintertür für Autoren und Verlage? Der Leser freut sich über die kostenlosen Inhalte – aber wird er sich noch freuen, wenn es keine hochwertigen Publikationen mehr gibt, weil sich die Veröffentlichung für Autoren und Verleger nicht mehr rechnet? Müsste Google dann nicht wenigstens Tantiemen an die Urheber zahlen, abhängig von der Zahl der Zugriffe?
So besehen würde die Veröffentlichung von Inhalten ausschließlich per Video wieder Sinn ergeben: Dann muss sich jeder selbst die Arbeit machen, die relevanten Inhalte aus den bewegten Bildern zu extrahieren. Das macht eine Raubkopie gleich viel weniger interessant und könnte eine neue Berufsgruppe etablieren: persönliche Video-Zusammenfasser als Dienstleister und Nachfahren der Vorleser.
Wenn am Ende nicht mehr die Information im Vordergrund steht, sondern die Klickraten, wird der Leser die Konsequenzen ziehen.
Weiterführende Links:
- Das Webwriting-Magazin über Videos ohne Zusammenfassung in Blogs
- Don Dahlmann über die Print-Krise
- Print-Krise: Guardian-Chef will nur noch ins digitale Geschäft investieren
- Überlegungen über Wege aus der Print-Krise (z. B. Kulturflatrate)
- Mögliche Wege aus der Krise der Printmedien bei Dr. Web
- Appell für Publikationsfreiheit und Wahrung der Urheberrechte, mit Unterschriftensammlung
Verwandte Beiträge:
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