Die Homepage ist tot, es lebe die Homepage!

Januar 19, 2012 um 3:25 pm | In Limette, Publikationen | Keine Kommentare | Tags: , , ,

In den Jahren 2007 – 2009 hatte ich eine regelmäßige Kolumne im PHP Journal. Die Artikel erschienen nur in Print. Für alle, die sie damals verpasst haben, werde ich einige davon nach und nach hier ins Blog stellen:

Die Homepage ist tot, es lebe die Homepage!

Die persönliche Homepage im klassischen Sinn spielt im Internet von heute keine große Rolle mehr. Olivia Adler erläutert, warum sie gerade jetzt wieder besonders wichtig werden könnte.

(Erstveröffentlichung im PHP Journal, 7/2007)

Vor ein paar Wochen schrieb die russische Netzkünstlerin Olia Lialina in einem Telepolis-Artikel über das Verschwinden der Homepages und ihren Einfluss auf die Netzkultur. Sie starben schleichend aus. Eigentlich starben sie nicht einmal aus, aber in der Masse des schnell wachsenden Netzes wurden sie einfach nicht mehr wahrgenommen. Das, was früher auf der privaten Homepage zu finden war, ist jetzt verstreut auf diverse Blogs, Foto- und Videocommunities, Social Web Sites, ein bisschen Getwitter hier, ein bisschen Geflickr dort.

Und die Firmen-Homepage ist erwachsen geworden und protzt nicht mehr mit dem animierten Briefkasten-Icon, sondern mit dem gerade angesagten CMS, statt Redesign ist regelmäßiges Softwareupdate angesagt, um die stetig nachwachsenden Sicherheitslücken zu schließen, auch heute ist jede Website eine ständige Baustelle, aber ohne Baustellenschilder. “Webmaster” nennt sich heute kaum noch einer außer den echten Administratoren von größeren Unternehmens-Websites, heute heißt das “Anbieter” oder “Vertretungsberechtigter”, das klingt sehr rechtssicher, aber wenig cool.

Überhaupt, cool. Wie Lialina schon schreibt, ist eine Homepage heute nicht mehr cool, jedenfalls wird sie es nicht durch ihre bloße Existenz. Heute ist das Internet Alltag und HTML keine Geheimsprache mehr, man muss auch nicht mehr zertifizierter Modem- und CAPI-Bändiger sein, um Zugang zu finden, DSL und UMTS sei Dank. PHP- und MySQL-basierte Anwendungen machen es leicht, interaktive Angebote zu erstellen, vom einfachen Blog über das klassische Forum bis hin zur eigenen Community.

Der moderne Telediensteanbieter muss sich mehr Gedanken um Rechtssicherheit und um Datensicherheit machen als um technische Fragen, und niemand lässt sich mehr davon beeindrucken, dass man es geschafft hat, Bilder und Texte in einigermaßen ansprechender Form zu gruppieren. Um heute was Cooles zu machen im Web, muss man schon Ahnung von Marketing haben und “harte” Informationen oder originelle Ideen.

Aber hat sich irgendeiner der ersten Homepage-Bastler überlegt, ob es cool ist, was er da macht? Da ging es um die Lust am Experimentieren, am Erkunden einer Welt, die sich jedem erschloss, der nur ein bisschen Zeit aufwenden wollte, und auch darum, zu einer Gruppe zu gehören, die dem Rest eine Nasenlänge voraus war.

Heute ist es mit den Internetanschlüssen wie mit den Mobiltelefonen: fast jeder hat eines, mit der eigenen WWW-Adresse zum Discountpreis kann man ebensowenig einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken wie mit einer Handynummer.

Die Kommunikation und Selbstdarstellung hat sich inzwischen in die Communities verlagert, weil es da viel einfacher ist, weil die Werkzeuge zur Verfügung stehen, die früher fehlten und die jetzt die HTML-Bastelei überflüssig machen für alle, die sich nicht zum Webdesigner berufen fühlen und sich nicht mit solchen Arbeiten aufhalten wollen. Wer trotzdem alle Informationen an einem Ort zusammenführen will, hat Konsolidierungswerkzeuge wie importierbare RSS-Feeds, Widgets oder Pipes zur Verfügung, die Homepage von gestern ist das Mashup von heute.

Und trotzdem, es gibt sie noch, die persönliche Homepage. Und wer klug ist, nutzt sie für intelligentes Selbstmarketing – und investiert im Zweifelsfall ein paar Euro für ein professionelles Design oder ein schickes Design-Template und etwas Hirnschmalz für guten Content. Denn heute, wo fast jeder online ist, wird es immer wichtiger, auf das Online-Image zu achten. Arbeitgeber scannen Mitarbeiter oder Bewerber, inzwischen gibt es eigene Dienstleister, die Internet-Personenprofile erstellen. Und damit die dann keine peinlichen “Jugendsünden” finden, ist es klug, ein passendes Angebot aufzubauen. Zum Beispiel mit einem Fachblog zum eigenen beruflichen Schwerpunkt, einem gut gepflegen Profil in einer Business-Community, inhaltlich hochwertigen Auftritten in Fach-Foren oder auf seriösen Websites – oder eben einer gut gemachten Homepage.

Und wer richtig cool ist, schafft es, im Netz überhaupt nicht namentlich aufzutauchen – das ist inzwischen nämlich die schwierigste Übung.

Weiterführende Links:

Heise Telepolis:
Olia Lialina zum Verschwinden der Homepages

Tobias Leingruber
Time Machine Firefox AddOn lässt Websites im antik-schrillen Homepage-Look erscheinen

Website Baker
Einfach zu installierendes und zu wartendes PHP/MySQL-basierendes CMS

Yahoo Pipes
Mashup-Tool aus der Yahoo!-Werkstatt

 

“Es gibt sie noch, die persönliche Homepage. Und wer klug ist, nutzt sie für intelligentes Selbstmarketing.”

 

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