Identität durch Abgrenzung und Spiegelbilder
10. März 2009 um 0:10 | In Pitu, Publikationen | 3 Kommentare |“Wie unanständig ist die Preisgabe des Privaten denn wirklich?” fragt Stefan Münz im Webkompetenz-Forum. Claudia Klingers Diskussionsbeitrag (der auf das Buch “Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität” von Richard Sennett verweist und auf eine wissenschaftliche Arbeit von Thomas Breitner zu diesem Buch verlinkt, in der auch die früher übliche Notwendigkeit, in der Öffentlichkeit eine Rolle zu spielen und die heute übliche Praxis, das Gegenüber narzisstisch als Spiegel zu benutzen, statt seine Individualität zu erkennen und gelten zu lassen, erwähnt wird) erinnerte mich an ein Kapitel aus einem Science-Fiction-Roman (“Allianz Eirene”), den ich 1988 geschrieben habe und hinter dessen Thesen ich auch heute noch weitgehend stehe. Allerdings sah ich damals die Selbsterkenntnis durch Reflektion positiver, als sie von Thomas Breitner dargestellt wird.
Hier (nach dem Klick) ein Ausschnitt aus dem erwähnten Kapitel – die beiden Protagonisten, Johannes Haase und Irena Sonescu, befinden sich in Rom und philosophieren über Geschichte:
(Haase spricht:) “Die Menschen, die alten Stämme haben sich so untereinander vermischt, daß der Begriff Volk seinen Sinn verloren hat.
Durch die Entwicklung des Kommunikationswesens erfuhren sie immer mehr voneinander und begannen sich auch anzugleichen. So besehen ist es höchste Zeit, daß sie endlich ihre Welt als ein großes Land zu betrachten beginnen. Aber sie können immer nur etwas als Einheit, als Gemeinschaft, als Ganzes verstehen, wenn sie es gleichzeitig gegen etwas anderes abgrenzen können. Aber ihren Planeten, die Erde, die können sie gegen nichts abgrenzen. Sie wissen nicht, daß da draußen noch etwas ist. Also gibt es auch nichts, wogegen sie sich behaupten könnten. Und deshalb schaffen sie es nicht, sich als planetenumspannende Gemeinschaft zu begreifen.”
“Ganz habe ich das noch nicht verstanden”, entschuldigte Irena sich. “Wie wär’s mit einem Beispiel?”
“Schauen Sie”, sagte Haase und legte zwei Steine nebeneinander. Irena merkte zum ersten Mal, daß er einen Sprachfehler hatte, ein verschludertes, oberflächliches ‘s’, als ob ihm der Laut Mühe bereite.
“Das sind zwei Menschen”, sagte er mit Blick auf die Steinchen. “Jeder von ihnen versteht sich als Individuum, weil er sich durch ganz bestimmte Merkmale von seinem Gegenüber unterscheidet. Gut kann es nicht ohne Böse geben, Licht wird erst durch die gleichzeitige Existenz von Dunkel verständlich. Unsere Welt ist eine Welt der Gegensätze, ein Wechselspiel von Antipoden. Was der Mensch ist, sieht er erst im Spiegel der Begegnung. Ohne den Dialog ist er konturlos, nicht faßbar. So verschieden die Menschen sind, denen er begegnet, so unterschiedlich die Situationen, in die er gerät, so unterschiedlich sind die Facetten seines Charakters, die er erst erkennen kann, wenn er gezwungen ist, auf etwas zu reagieren, sich mitzuteilen. Wenn er seine Identität finden will, darf er sich nicht zurückziehen, sondern muß die anderen beobachten, Anteil nehmen, sehen was sie sind, was er nicht ist, um in der Umkehrung erst zu begreifen, was er ist.”
Er nahm eine weitere Handvoll Steine und schichtete sorgfältig zwei Häufchen auf.
“Nehmen Sie aber nun auf beiden Seiten diese Häufchen: zwei Stämme, jeder mit seiner eigenen, spezifischen Kultur. Jeder begreift sich als dadurch zu einer Gruppe zugehörig, als er sich durch ein bestimmtes, gemeinsames Merkmal von der anderen Gruppe unterscheidet. Die einen sind schwarz, die anderen weiß. Eine Gruppe glaubt an einen Gott, die andere huldigt dem Polytheismus. Gäbe es nur eine Richtung, gäbe es keine Zweifel, aber auch keine Identität. Es gäbe ja nichts, wogegen man sich abgrenzen könnte – wohingegen innerhalb der eigenen Gruppe größtmögliche Homogenität angestrebt wird. Außenseiter sind nicht erwünscht. Der Gedanke ‘Wir und die anderen’ ist zu fest im menschlichen Bewußtsein verankert. Diese Dichotomie wird sich nie daraus vertreiben lassen. Dualistisches Denken ist eine der Grundfesten, auf die sich Überzeugungen gründen lassen.
So wie es nun aber mit Stämmen, noch relativ überschaubaren Einheiten, ist, verhält es sich auch mit Städten oder Ländern. Die Kulturen sind verschieden, und indem sie sich gegeneinander abgrenzen, begreifen sie auch die eigene Identität. A ist von B verschieden, und nur durch diese Verschiedenheit lassen sie sich als A und B bestimmen, von denen jedes seine festumrissene Gestalt hat. Die Bewohner dieser Welt haben sich sogar noch länderübergreifend zu Interessengemeinschaften zusammengeschlossen, zu Machtblöcken und Wirtschaftsgemeinschaften, haben ihre Welt in ein Koordinatensystem mit den Achsen Ideologie und Wirtschaft aufgespalten, in Ost und West, in Industrie- und Entwicklungsländer, erste, zweite und dritte Welt. Sie brauchen diese Aufspaltung, um sagen zu können: Das sind wir, dazu gehören wir, und das sind die anderen, zu denen gehören wir nicht, das ist Heimat, das ist Fremde.
Wenn man von ihnen verlangen wurde, die gesamte Erdbevölkerung als eine Gruppe zu begreifen, wären sie überfordert. Die meisten von ihnen eignen sich noch nicht zum Kosmopoliten. Ohne ein gleichwertiges Gegenüber gelingt ihnen das nicht. Wäre der Mars bewohnt, gäbe es die berüchtigten “grünen Männchen” wirklich, könnten sie sich tatsächlich als gemeinsame Vertreter der Spezies Mensch erkennen, einzuordnen unter der Rubrik Erdenbürger, streng abzugrenzen gegen die Rubrik Marsianer. Diese Menschen können ohne Kontraste nicht leben. Vermutlich würden sie aufwachen, wenn wir ihnen klarmachen könnten, daß sie tatsächlich nicht allein im Universum sind – was sie ja längst schon vermuten. Aber das wäre taktisch unklug. Zuerst würden sie es für einen raffinierten Trick ihrer Gegner halten und versuchen, uns abzuschießen und von uns das Geständnis zu erzwingen, daß wir Agenten der Gegenseite seien – welche auch immer damit gemeint wäre. Eine Invasion wäre vermutlich das einzige, was sie noch verstehen würden. Aber die Gefahr, daß sie dabei in Panik ihren eigenen Planeten in die Luft jagen, ist einfach noch zu groß. Es wäre ein unverantwortliches Risiko.
Und bis wir es wagen können, ihnen reinen Wein einzuschenken, werden sie weiterhin eine kleine Insel sein, mit rivalisierenden Grüppchen, die alles tun, nur um zu beweisen, daß sie anders sind als ihre Nachbarn und dabei nicht begreifen können, wie klein, wie unbedeutend sie sind, wenn man sie nach unseren Maßstäben beurteilt. Sie haben ein großes Bedürfnis nach überschaubarer Identität. Sie brauchen Gruppen, denen sie sich zugehörig fühlen dürfen, Schubladen, in die sie einordnen können, was immer ihnen begegnet. Und was sie nicht kennen, beäugen sie immer noch mit dem gleichen Mißtrauen wie ihre Urahnen auf den Bäumen. Ich vermute, daß unsere Zivilisationen nur deshalb eine andere Einstellung haben, weil wir im engeren Sinne Nachkommen einer Schiffsbesatzung sind, also Menschen, die sich zwangsweise als enge Gemeinschaft verstehen mußten und sich keine Kämpfe leisten konnten, weil sie genug damit zu tun hatten, in einem absolut lebensfeindlichen Medium zu bestehen. Und dieses Selbstverständnis gaben sie an ihre Kinder weiter, und es blieb uns bis heute erhalten.”
(Wenn sich jemand für den gesamten Roman interessiert, bitte Mail an mich – Kontaktadresse siehe Impressum.)
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3 Kommentare
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Wie wäre es mit
a) einen Blog wo du deine Rimansammlung durchjagst
b) mit PDFs zum download wenn sie fertg sind?
#nursonedidee
Kommentar by oliverg — 10. März 2009 #
hab ich auch schon überlegt, wobei ich an ein separates blog noch nicht gedacht hatte – danke für die anregung. ich hab die einzelnen teile schon mal 1995 ins usenet gestellt und hatte sie auch mal auf einer hp online.
Kommentar by limone — 10. März 2009 #
links for 2009-03-11…
caipi » Identität durch Abgrenzung und Spiegelbilder – life is fresh, so get used to it!
(tags: icommented literatur romane)
Netzpolitik-Podcast 075: Die Kulturflatrate : …
Trackback by Oliver Gassner — 11. März 2009 #