Gedanken zur Grundeinkommens-Diskussion

17. Februar 2009 um 15:39 | In Pitu | 1 Kommentare |

Grundsätzlich kann ich jedem nur raten, sich die in meinem vorherigen Beitrag verlinkten Beiträge und Websites anzusehen und vor allem auch den Film, der alles sehr gut verständlich illustriert und viele Fragen beantwortet. (Nachtrag: Hier auch noch ein sehr schöner Text von Jan Ulrich Hasecke, der die wesentlichen Punkte ausführlich und gut verständlich erläutert.)

Weitere Gedanken nach dem Klick:

(Achtung: wer will, bitte heute noch abstimmen – Link zur Petition – die 50.000 Stimmen, die zur persönlichen Anhörung und Diskussion im Bundestag nötig sind, sind in greifbarer Nähe! Wer abstimmt, unterschreibt damit nicht die Begründung, sondern den grundsätzlichen Antrag auf den Beschluss eines Grundeinkommens! Die Begründung sieht für jeden anders aus! 18:19: gerade via twitter erfahren: die 50.000 sind geschafft!!)

Ein paar Stichworte dazu:

– Produkte werden nicht teurer, und der Steueranteil insgesamt wird nicht höher. Eine Tasse Kaffee hat bereits jetzt einen prozentualen Steueranteil von (ca.) 40 %, durch Mehrwertsteuer, Lohnsteuer etc. pp. Die Steuer würde zukünftig nur auf einen Posten zusammengefasst, der erst beim Erwerb des Produktes fällig wird.

– Aber dann kaufen doch alle im Ausland? Falsch. Produkte aus dem Ausland unterliegen ebenfalls dieser Steuer, die auf den Nettopreis des Produktes aufgeschlagen wird. Das bedeutet: Produkte, die im Ausland unter menschenunwürdigen Bedingungen (extrem niedrige Löhne, Steuern und nicht vorhandene Sozialversicherung) produziert werden, haben keinen Wettbewerbsvorteil mehr. Länder, die ein identisches Modell fahren und ebenfalls die Steuer erst auf das fertige Produkt erheben, haben dann einen Vorteil – das Grundeinkommensmodell wird auch im Ausland diskutiert!

– Wie sollen wir im Export noch konkurrenzfähig bleiben? Die Steuer wird nur im Inland erhoben. Für den Export gelten Nettopreise, die dann günstiger werden. Welche Steuer auf die Produkte im Ausland erhoben wird, entscheidet das Zielland. Sowohl beim Import als auch beim Export werden dann sicher stärkere Zollkontrollen notwendig sein.

– Steuerflucht lohnt sich nicht mehr für Unternehmen! Es ist dann nicht mehr notwendig und möglich, wilde Konstruktionen zu machen, nur um am Stammsitz des Unternehmens keine Steuern zahlen zu müssen. Jedes Land, das ein Grundeinkommens-Modell einsetzt und nur die fertige Ware besteuert, wäre ein attraktiver Produktions-Standort für Unternehmen.

– Ein Grundeinkommen würde für mehr Gleichheit aller Familienmitglieder sorgen, weil jedes Familienmitglied ein eigenes Einkommen hat, das gemeinschaftlich verwaltet wird. Abhängigkeitsverhältnisse von Alleinversorgern, die ihrerseits unter starkem Druck stehen, das Familieneinkommen zu erwirtschaften, gibt es dann nicht mehr.

– Menschen mit eigener Familie könnten sich in der Arbeitswelt besser verkaufen, da sie bereits ein hohes Grundeinkommen haben und daher mehr Spielraum bei der Gehaltsverhandlung. Menschen ohne eigene Familie hätten dafür einen größeren Anreiz, in WGs zu gehen, z. B. gemeinsam ein Haus mieten (oder, wenn man sich gut kennt und vertraut, auch kaufen? Stichwort Altersvorsorge!)

– Mehr Menschen könnten sich wieder trauen, Kinder in die Welt zu setzen, weil Kinder gerade für Alleinerziehende nicht automatisch ein Armutsrisiko wären. Menschen würden aus Liebe zusammenkommen und -bleiben und nicht aus finanzieller Notwendigkeit.

– Das Gesundheits- und Pflegesystem würde wesentlich entlastet, weil viel mehr Menschen in die Lage versetzt würden, kranke und/oder alte Familienmitglieder im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu betreuen und zu pflegen. (Sicherlich wird es weiterhin einen Bedarf an Fachkräften geben, aber es wird viel seltener nötig sein, Familienmitglieder ins Heim zu geben, weil aufgrund von Erwerbstätigkeit keine Rundum-Betreuung möglich ist.) Stressinduzierte Krankheiten (Psychische Krankheiten, Suchtkrankheiten und Burnout sind auf dem Vormarsch) würden weniger, weil der existenzielle Druck (und damit die Erpressbarkeit!) aus der Erwerbstätigkeit genommen würde.

– Achtung bei der Einschätzung der Beiträge: Vom fiktiven 1.500 Euro-Grundeinkommen sind noch Krankenkassenbeiträge abzuziehen. Es geht nur um die Steuer! (Rentenversicherungsbeiträge wären allerdings nicht mehr notwendig – wer will, könnte aus Erwerbseinkommen eine private Rentenversicherung abschließen, um auch im Alter zusätzlich zum Grundeinkommen Spielraum zu haben.)

– Was wird dann aus den ganzen Beamten und Steuerberatern? Steuerberater haben meist mehr als ein Standbein – Menschen werden auch weiterhin Rechtsberatung und Finanzberatung brauchen. Beamte würden nicht abgeschafft werden (es geht um ein GRUNDeinkommen, insgesamt werden die meisten Menschen ein Mischeinkommen haben! Und der Staat braucht weiterhin Staatsdiener!), lediglich Finanzbeamte und Kollegen bräuchten ein neues Betätigungsfeld (z. B. im Zoll, Stichwort Import/Export), und das System Grundeinkommen würde neue Aufgabenfelder mit sich bringen. Für alle anderen gibt es genug Bereiche, wo momentan zu wenig Personal da ist, z. B. eine wirklich effektive, am Menschen und seinen Fähigkeiten und Interessen ausgerichtete Berufsberatung.

– Ein Grundeinkommen würde Menschen in die Lage versetzen, unbelastet vom Überlebensdruck mehr kreative Ideen für eine bessere, soziale Gesellschaft zu entwickeln und auszuführen. Ich habe schon von Vorschlägen gelesen, öffentliche Mittagstische und Treffpunkte einzurichten. (Siehe dazu: Was würden Sie tun?) Was unsere Gesellschaft braucht, ist mehr Miteinander, mehr zwischenmenschliche Kommunikation, statt Ellenbogenmentalität und Vereinsamung. (Wer nach einem langen Erwerbsarbeitstag ausgepumpt nach Hause kommt, schafft es oft nur noch in den Fernsehsessel oder gleich ins Bett.)

– Soziales Engagement wäre wieder vermehrt möglich. Freiwillige Feuerwehren z. B. klagen über Mitgliedermangel – am Interesse liegt es sicher nicht.

– Ein Grundeinkommen nimmt nicht den Anreiz, zu arbeiten – es ermöglicht aber vielen Menschen, eine ungeliebte Arbeit zugunsten einer geliebten Arbeit aufzugeben. Wer seine Arbeit liebt, ist produktiver – und gesünder. Ein Grundeinkommen deckt wirklich nur die Grundbedürfnisse. Wer mehr will – und wenn es nur ein Auto ist oder ein Urlaub, oder Designerkleidung, muss auch weiterhin arbeiten gehen dafür. Und wer „mehr gelten will“ als andere, ebenfalls. Die Höhe des Grundeinkommens ist noch lange nicht festgelegt (die 1.500 Euro sind eine fiktive und diskussionsfähige Zahl!) – sie wäre aber wahrscheinlich auf einem Niveau, das nach wie vor einen Anreiz zum Arbeiten bietet.

– Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde Menschen, die in jungen Jahren eine falsche oder nicht mehr zeitgemäße Berufswahl getroffen haben, die Chance geben, noch einmal neu zu starten. z. B. durch ein Studium oder eine Fortbildung, die sonst aufgrund der Notwendigkeit der Existenzsicherung durch Lohnarbeit schon aus Zeitgründen oft nicht möglich wären. Das BGE würde demnach auch der Bildung dienen – dass wir mehr KnowHow brauchen in diesem Land, ist hinlänglich bekannt.

– Menschen hätten mehr Mut, neue Wege zu beschreiten (Stichwort Erfindungen und Innovation), statt sich an ausgetretene Pfade zu halten, der Sicherheit wegen.

– Unternehmen hätten durch den Wegfall der Einkommenssteuer größere Anreize, mehr Teilzeitkräfte zu beschäftigen, weil die Pro-Kopf-Kosten geringer würden. Damit wäre mehr Arbeit für alle da. (Die meisten Menschen wollen arbeiten, aber sie wollen auch die Zeit haben, für ihre Familie und ihre Freunde und andere Menschen da zu sein.). Ein Grundeinkommen würde Unternehmen wegen niedrigerer Lohn- und Stückkosten (wir erinnern uns: die Steuer wird erst beim Kauf der Ware fällig und muss nicht vom Unternehmen vorgestreckt und auf die Preise aufgeschlagen werden) ebenfalls nützen.

– Wer macht die Arbeit, die keiner machen will? Die müsste so gut bezahlt werden, dass ein Anreiz da ist, oder automatisiert, wo möglich. Und, glaubt es oder nicht: es gibt Leute, die sitzen gerne an der Kasse, und es gibt auch Leute, die gerne putzen! Und es gibt Leute, die gerne als Metzger arbeiten oder als Industrietaucher oder in der Kläranlage (mein bester Studentenjob damals, nebenbei: gut bezahlt und nette Kollegen, wir hatten viel Spaß), um nur ein paar zu nennen. Wenn Menschen das Gefühl haben, eine für die Gemeinschaft notwendige, anerkannte und fair entlohnte Arbeit in einem angemessenen zeitlichen Umfang zu machen, dann machen sie die in der Regel auch gerne.

– Würden wir dann nicht überflutet von Hobbyautoren und Hobbyfotografen und Hobbymalern? Nein. Denn jeder Künstler braucht sein Publikum, und auch hier würde die Nachfrage den Markt regeln. Nur wer wirklich gut ist, bekäme Aufmerksamkeit und Publikum. Der Rest würde früher oder später begreifen, dass seine Talente woanders liegen. Insgesamt hätten aber mehr Menschen Energie frei, um mehr selbst zu machen, statt nur passiv zu konsumieren – Hausmusik machen, statt DSDS schauen. Und keine Sorge um die Wirtschaft: die Instrumente und Noten dafür müssen ja auch gekauft werden.

– Der Sinn des Lebens ist nicht der Gelderwerb. Der Sinn des Lebens besteht darin, in der Gemeinschaft auf einem Planeten, der von Natur aus genug Ressourcen für alle bietet, miteinander einfach zu existieren und diese Welt, die wir „von unseren Kindern nur geborgt haben“, weiter zu erhalten und zu pflegen, statt sie auszubeuten und zu zerstören. Die Tiere und Pflanzen machen uns vor, wie das geht.

Gelegentlich vielleicht mehr dazu, jetzt muss ich nämlich ein paar Brötchen verdienen.

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ePetition pro bedingungsloses Grundeinkommen
Bedingungsloses Grundeinkommen (2005)

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1 Kommentar

  1. Kreativ mit Grundeinklommen: Was würdet Ihr tun?…

    What would you do with an unconditional basic income of 1500 EUR/person?

    ***

    Im 2. Teil ihres Artikels Gedanken zur Grundeinkommens-Diskussion entwickelt Olivia Adler (Limone) ein paar Ideen, wie die welt mit Grundeinkommen (besser) aussehen wür…

    Trackback by Oliver Gassner — 18. Februar 2009 #

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