Was ist deine Lebenskunst?
September 24, 2008 um 2:24 pm | In Pitu | 4 Kommentare |Claudia Klinger fragte neulich: “Was ist deine Lebenskunst?”, und inzwischen sind die ersten Beiträge online, sehr schöne Beiträge, die zu ebenso schönen Blogs führen.
Denkanstoß genug, zu überlegen, was ich zu dem Thema beitragen kann:
Lebenskunst bedeutet für mich vor allem, sich immer wieder vertrauensvoll aufrappeln zu können, egal was passiert. “Du bist wie ein Stehaufmännchen”, sagte ein Freund mal zu mir, und in dem Moment fasste ich das nur bedingt als Kompliment auf, weil ich von Freunden nicht als unverwundbar wahrgenommen werden will und genauso trost- und zuwendungsbedürftig bin wie die meisten anderen Menschen auch und genau wie jeder von uns manchmal eine helfende Hand brauche, um wieder auf die Beine zu kommen.
Aber die Kunst besteht dann darin, den Weg wieder zu finden, einen Fuß vor den anderen zu setzen und darauf zu vertrauen, dass es immer weitergeht, auch wenn man nur den Weg bis zur nächsten Ecke überblicken kann. Lebenskunst besteht auch darin, die Welt so zu sehen, wie sie ist, mit allem Schönen und Hässlichen, Gerechten und Ungerechten, ohne dabei bitter zu werden oder alles mit Zuckerguss zuzudecken, um das Bittere nicht mehr schmecken zu müssen.
Lebenskunst bedeutet für mich aber auch, sein Glück unabhängig zu machen von allem, was man jederzeit verlieren kann – seien es Gesundheit, Besitz oder bestimmte Menschen, sich als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen und zu empfinden und sich in diesem großen Ganzen aufgehoben zu fühlen, egal was kommt. Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) sagte in einer Situation, wie sie auswegloser kaum sein konnte, nämlich im KZ, vor seiner Hinrichtung:
“Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.”
Lebenskunst hat für mich viel mit Glaube zu tun – an wen oder was, ist sekundär, aber wichtig ist, dass man an etwas oder jemanden glaubt, auch und gerade an sich selbst.
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4 Kommentare
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Schön geschrieben, ich kann es auch nicht besser ausdrücken.
Kommentar by Violine — 4. Oktober 2008 #
Ich habe den Termin leider verpasst.
Was mir an Ihrem Beitrag besonders gefällt:
[Zitat] Lebenskunst bedeutet für mich aber auch, sein Glück unabhängig zu machen von allem, was man jederzeit verlieren kann – seien es Gesundheit, Besitz oder bestimmte Menschen, sich als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen und zu empfinden und sich in diesem großen Ganzen aufgehoben zu fühlen [Zitat Ende]
Sie begnügen sich nicht mit dem Hinweis: “Hauptsache gesund”, sondern schliessen explizit den möglichen Verlust von Gesundheit und Menschen mit ein. Ich glaube persönlich, dass wir erst dann richtig lebendig werden, wenn wir wissen, dass dazu ein Ende gehört. Ein Wissen darüber und ein Fühlen, das diese Tatsache nicht verdrängt, sondern uns Leben lässt, ohne dass wir zu glühen begännen, ohne Not, dass wir kompensieren würden.
Wir sollten einfach Leben und durchatmen.
Kommentar by Thinkabout — 4. Oktober 2008 #
@violine, thinkabout: danke.
@thinkabout: spontan kommt mir dazu die liedzeile “freut euch des lebens, freut euch, solange das lämpchen noch glüht” ein.
Kommentar by limone — 5. Oktober 2008 #
Mir fällt dazu spontan den Rat aus einem Internetratgeber für Partner von sex. missbrauchten Menschen ein. Neben allerlei Ratschlägen für das Zusammenleben steht da: “Und vergesst das Leben nicht!”
Kommentar by Violine — 5. Oktober 2008 #