Vom Luxus der freien Zeit
28. April 2008 um 15:05 | In Pitu | 4 Kommentare |Wieder mal ein sehr schöner Beitrag von Claudia Klinger, der auch gerade zur rechten Zeit kommt: Lebenskunst: Vom unglücklichen Bewusstsein und der Schreckensherrschaft des Verstandes und der mich dazu veranlasst, einen eigenen Gedankengang zu einem verwandten Thema nachzuschieben:
Vor lauter Dogmen, wie wir zu leben haben (aktuell gerade: möglichst fit und gesund, um der Gemeinschaft nicht nachher mit “unnötigen” Krankheitskosten auf der Tasche zu liegen und als “Arbeitskraft” maximale Leistung zu bringen) fällt es tatsächlich oft schwer, mal einen Tag ohne schlechtes Gewissen einfach zu genießen, ohne das gleich als “vergammeln” abzuwerten.
Vor ziemlich genau einem Jahr sagte mir ein gerade unter einer frischen Trennung leidender Freund: “Heute hatte ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Tag, an dem ich nicht wusste, was ich unternehmen soll. Das war eine schreckliche Erfahrung.” Das Problem hat er gelöst, indem er kurz darauf eine neue Beziehung mit einer unternehmungslustigen Partnerin einging, und jedes Wochenende ist nun gut verplant mit allerlei gemeinsamen Unternehmungen.
Aber warum ist das “mal nicht wissen, was man unternehmen soll” so abschreckend? Die Italiener haben damit offenbar kein Problem, sonst hätten sie nicht den Begriff vom “dolce far niente” (süßes Nichtstun) geprägt, und überhaupt findet man gerade in Mittelmeerländern viel mehr Gelassenheit vor und eine viel ausgeprägtere Fähigkeit, einfach mal den Moment zu genießen. Davon können wir lernen.
Bei der Angst vor dem Nichtstun geht es dann wohl auch eher um was anderes: um die Angst davor, plötzlich mit sich selbst konfrontiert zu sein, ohne eine konkrete Aufgabe oder Unternehmung, die einen vor der Auseinandersetzung mit sich selbst (oder auch mit dem Partner) bewahrt. Und so scheint mir, dass viele Menschen zeitlebens damit beschäftigt sind, sich selbst und ihren innersten Gefühlen und Gedanken aus dem Weg zu gehen. Je dichter der Tag verplant ist, desto weniger Zeit bleibt zum Nachdenken. Ich kenne das, weil ich genug solcher Phasen in meinem Leben hatte – und dann immer bedauerte, dass diese Zeit zum Nachdenken, zum Reflektieren, zum Innehalten fehlt, weil das Hamsterrad immer weiter rotierte und alle Aufmerksamkeit und Kraft forderte.
In dem Zusammenhang lesenswert: Werbung: Jeder bekommt den Partner, den er verdient – ob er will oder nicht. Der Autor Hermann Meyer stellt dort die These auf, dass wir alle in einer Kollektivneurose leben, in der unter anderem die Erkenntnis abgewehrt wird, dass Zeit Lebenszeit und somit unbezahlbar ist. Der größte Luxus ist demnach nicht Geld, Status oder Statussymbole, sondern frei verplanbare Zeit, über die wir selbst verfügen und die nicht von anderen für uns eingeteilt wird. In dem Zusammenhang lässt sich der Spruch “Zeit ist Geld” umdrehen: “Geld ist Zeit”. Wer so viel Geld und Einfluss hat, dass er selbst bestimmen kann, wann er wo ist, genießt wieder den Luxus der frei bestimmbaren Zeit, insofern steckt hinter dem Streben nach Geld und Einfluss oft auch wieder nur das Streben nach Selbstbestimmung.
Kritisch wird das dann vor allem beim Thema “entfremdete Arbeit”, d. h. eine Arbeit, die nicht als Berufung empfunden, sondern nur zur Sicherung des Lebensunterhalts ausgeübt wird, üblicherweise ganztags, und damit den überwiegenden Teil der Lebenszeit und Lebensenergie beansprucht. Um dieses Gefühl der Entfremdung und Fremdbestimmung zu kompensieren, sucht der Mensch im Hamsterrad dann nach Ablenkung in Form von Konsum, oder auch von herkömmlichen Beziehungsformen. Oft vertagen wir dann vieles auf den Ruhestand und übersehen dabei, dass dann Krankheiten und Altersbeschwerden viel Zeit beanspruchen werden und wir vieles von dem, was wir jetzt aufschieben, vielleicht gar nicht mehr umsetzen können.
Freilich, ein Mensch im Armenviertel von Sao Paulo, dessen Gedanken nur darum kreisen, wie er genug Essen für den nächsten Tag zusammenbringt und der von Glück sagen kann, wenn er wenigstens eine ärmliche Hütte hat, um nicht auf der Straße schlafen zu müssen, würde darüber nur verständnislos den Kopf schütteln. Es ist sicher ein großer Luxus, sich überhaupt Gedanken über so ein Thema machen zu können und eben nicht die Lebenszeit im ständigen Kampf ums Überleben zu verbringen.
Aber die Tiere machen uns vor, wie es geht: Zwergmangusten z. B. sind sehr soziale Tiere, die alles im Verbund erledigen, sogar die Kinderbetreuung. Die Gemeinschaft sorgt dafür, dass keiner über den Rand fällt. Ein echtes Miteinander würde Überleben und genug persönlichen Freiraum für alle sichern – das ist eine Utopie, an die ich glaube, nur die Umsetzung werde ich wohl nicht mehr erleben.
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4 Kommentare
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Ein großartiger Artikel, ich bin begeistert!
Was mich immer wieder wundert, ist, dass Menschen, die den ständigem Kampf ums Überleben in schwierigen Umständen führen, oft so viel fröhlicher sind als die vergleichsweise gut situierten Deutschen.
Natürlich wollte ich trotzdem nicht tauschen, aber es ist schon verrückt, dass mehr Wohlstand nicht etwa glücklicher macht.
Kommentar by Claudia — 29. April 2008 #
lieben dank.
ja, das fällt immer wieder auf… vielleicht wissen sie mehr zu schätzen, was sie haben, eben weil ihnen die flüchtigkeit des glücks stärker bewusst ist – kann nur mutmaßen, aber mir fiel das auch bei sehr einfach lebenden menschen in einem griechischen bergdorf auf: kein strom, kein fließend wasser (dafür aber zwei quellen mit herrlichem wasser in der nähe), alles vom einfachsten, aber einer der besten urlaube, wir haben nichts vermisst, und die menschen im dorf auch nicht.
Kommentar by limone — 30. April 2008 #
Sehr schöner Artikel. Du triffst es auf den Punkt. Die Leute halten es einfach nicht aus, einen Moment einfach mal gar nichts zu tun. Ich denke das liegt daran weil der Verstand so dominant + außer Kontrolle geraten ist bei den meisten von uns, dass Untätigkeit zur Qual wird, weil man das Denken eben nicht einfach so abschalten kann. Vielleicht ist das in anderen Ländern noch anders – es wäre schön. Vieleicht ist das Körpergefühl in den südlichen Ländern ein anderes und die Leute können einfach leichter “sein”. Wir müssen das hier lernen. Nach und nach. Aber den Menschen wird es immer bewusster das etwas nicht mit Ihnen stimmt und sich suchen nach Methoden um wieder bei sich,”in sich” anzukommen.
“Ein echtes Miteinander würde Überleben und genug persönlichen Freiraum für alle sichern – das ist eine Utopie, an die ich glaube, nur die Umsetzung werde ich wohl nicht mehr erleben.”
Ich teile Deine Vision von dieser besseren Welt!
Im kleinen können wir damit beginnen!
“Be the change you want to see in the world!”
Liebe Grüße,
Tobi
Kommentar by Yoga Tobi — 1. Mai 2008 #
hallo tobi,
vielen dank für deinen schönen kommentar. du hast recht: im kleinen können wir damit beginnen.
liebe grüße
olivia
Kommentar by limone — 2. Mai 2008 #