Und täglich grüßt die Steinzeit

Dezember 21, 2002 um 3:27 pm | In Pitu | Kommentare deaktiviert |

Rant über sexistisches Kinderspielzeug bei Melody. Kein Wunder, dass die erwachsenen kleinen Mädchen dann auch zwei linke Hände haben, wenn’s um Technik geht und sich lieber weiter auf die frauenspezifischen Jobs konzentrieren. (Achtung Glashaus, habe ja selber so einen Job gelernt – trotz Fischertechnik, Spielzeugautos und Holz-Konstruktionsbaukästen neben Puppen, Barbie und Plüschtierchen). Langsam wird mir aber klar, warum ich so kompatibel zu den Jungs im Helpdesk bin (derzeit einzige Frau unter lauter Männern): im Geschlechtertest von Herrn und Frau Pease erziele ich 110 Punkte und bin damit eindeutig in der männlich dominierten Hälfte des Diagramms. Angeblich ist eine höhere Konzentration Testosteron in der Embryonalentwicklungsphase dafür verantwortlich. Was allerdings noch nicht erklärt, warum ich an manchen Tagen Schwierigkeiten habe, unbeschadet in meine Garage zu kommen (auch wenn’s Millimeterarbeit ist, wie schon erwähnt).

Hier noch ein Link zur erwähnten Werbung, das die Thematik noch schön vertieft:

“Along with a comb she always carries to keep her long blonde hair looking its best, Shannen comes with an easy-to-use radio transmitter that allows you to move her through a variety of maneuvers and stunts on her scooter.”

Ja. Genau. Dass die Frisur sitzt, ist echt das Wichtigste am Roller fahren. Ich plädiere für eine Puppe, die mit einem Eimer Schlamm geliefert wird, damit die Kiddies auch ihre Puppen schön stilecht im Dreck wälzen können, das ist nämlich weit näher an der Realität. Vielleicht auch noch mit auf Wunsch aufgeschlagenen Knien und der KingSize-Packung Pflaster gleich mit dabei? Die Realität bringt nämlich solche Manöver wie sich mit Rollschuhen (kennt die noch jemand? Richtige ROLLSCHUHE? Keine Inliner!) an ein Fahrrad hängen und den Bordstein übersehen, worauf man längelang hinknallt.

Oder Zirkuskunststücke auf dem Rad machen: erst freihändig (noch einfach), erschwerte Version: auf dem Gepäckträger sitzen, treten und freihändig fahren, und die Unfall-Version: Arme über Kreuz. Wenn man das nicht absolut synchron macht, gibt’s einen Freiflug auf die Bordsteinkante, der ein paar lockere Zähne und einen sehr eindrucksvoll verschobenen gebrochenen Arm mit sich bringt. DAS ist die Realität, liebe Spielzeug-Designer. Auch die von kleinen Mädchen. (Klettern Kinder heute noch auf Bäume? Dürfen sie das noch?)

Calvinistische Erwerbsethik

Dezember 9, 2002 um 1:16 am | In Pitu | Kommentare deaktiviert |

Ist die Calvinistische Erwerbsethik ein probates Mittel gegen Depressionen jeder Art? (gleich ob organischer oder wirtschaftlicher) Ist sie noch oder wieder zeitgemäß? Sollten wir alle ein klein wenig mehr calvinistisch werden – wenn man mal von der abstrusen Theorie der Auserwählten absieht?

Religion hin oder her – manchmal wäre das Leben einfacher, wenn man es mit Hilfe der Religion erklären könnte. “Bad Karma” ist etwas Nachvollziehbares. Ungerecht, aber bis zu einem gewissen Grad nachvollziehbar. Selbstverantwortung hingegen kann etwas Beängstigendes sein, bisweilen überfordert sie uns. Wem gegenüber sind wir verantwortlich? Nur uns selbst? Unseren Familien? Unserem Staat? Einem höheren Wesen, wenn wir daran glauben? Und wer kann sich überhaupt leisten, über all diese Dinge ausführlich nachzudenken? Ist das an sich nicht schon ein Alarmzeichen, zu viel Zeit und Muße zum Nachdenken zu haben? Nachdenken ja, wenn es zu Ergebnissen führt. Meditation ja. Aber Grübeln? Schwadronieren? Diskutieren?

Nein, ich weiß nicht, wo die Reise hingeht. Aber was ist schon sicher, was berechenbar? Es gibt keine feste Weltordnung mehr, an die man sich klammern könnte. Es gibt keine feste Sozialordnung mehr, auch die kleinsten Zellen, die Familien, brechen immer mehr auf, von großen Verbänden hin zu kleinsten Grüppchen, die Devise lautet immer häufiger “hilf dir selbst, dann hilft dir Gott”, und dabei wäre alles da: Nahrung, Wohnungen, Arbeitskraft, KnowHow, Geld, alles eine Frage der Verteilung und des Miteinander.

Die Zwergmangusten müssen nicht darüber nachdenken, die leben es einfach: Einer für alle, alle für einen. Gruppenverband. Unsere Gesellschaft muß sich entweder wesentlich wandeln, oder sie stirbt. Oder sie erneuert sich durch den Kollaps.

Genug schwadroniert. Das Bett ruft, morgen früh gibt es wieder Brötchen zu verdienen:

“Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!” (Goethe)

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