Derfs no was sei?

Februar 28, 2002 um 5:45 pm | In Glas | Kommentare deaktiviert |

Wenn ich so richtig genervt bin, etwa weil das Finanzamt Mucken macht, erwartete Briefe und Anrufe nicht eintreffen, die Viren grüßen und überhaupt insgesamt alles aus der Spur gelaufen zu sein scheint, gibt es ein gutes Gegenmittel: ab zum ortsansässigen Dorfmetzger. Die rundlichen, strahlenden Fachverkäuferinnen sind immer freundlich und gut aufgelegt, auch wenn die ganze Metzgerei gesteckt voll ist und sie die Kunden im Fließbandverfahren bedienen müssen, wenn ich Glück habe, ist noch Kartoffelsalat da (es gibt nur zwei Metzger im Landkreis, die den richtig zubereiten können) und warmer Braten, Fleischsalat sowieso (nur vom Metzger richtig gut), und Leberkäs.

Heute etwas weniger Kundschaft, dafür Lokalprominenz: “Grüß Gott, Herr Pfarrer”, schallt es meinem Nachbarn in der Schlange entgegen, und ich erwarte einen feisten älteren Herrn, bin dann doch überrascht, als ich den jungen, gutaussehenden Mann im flotten schwarzen Rollkragenpulli und Anzug sehe, der sich um eine angemessen bayerische Ausdrucksweise bemüht, als er Leberwurst mit Goldrand bestellt. Manchmal trifft man auch alte Kollegen wieder, so wie gestern den Betriebsrat, der immer noch in der Firma arbeitet und einen freudestrahlend wiedererkennt.

Warum finde ich Dorfmetzgereien so anheimelnd? Vermutlich ist es die Erinnerung an die Kindheit, wenn ich mit der Oma zum Metzger Kneissl im Brucker Zentrum ging und immer eine halbe Wiener oder eine Scheibe Gelbwurst geschenkt bekam, oder mit dem Opa zusammen Leberkäs gegessen habe, der in Würfeln geschnitten war. Bei uns zuhause gab es nur Leberkäs aus der Pfanne, der schmeckte nicht so gut wie der aus dem Ofen.

Diese Metzgerei gehört zu den Dingen, die ich wohl am meisten vermissen werde, wenn ich mal von hier weggehe…

Ein ganz normaler Mittwoch

Februar 20, 2002 um 2:49 pm | In Glas | Kommentare deaktiviert |

Bis in die frühen Morgenstunden am Server geschraubt. Schlafengegangen, geträumt, daß ich mein Blog neu mache, so gelb wie bei Dr. Web und so ganz CSS-basiert ohne Tabellen wie bei Claudia Klinger. Aufgewacht, als der Postbote läutete und mir zwei Pakete brachte: eins frei, der Ordner mit meinen Steuerbelegen vom Steuerberater, eins per Nachnahme. Grübel. Wer schickt mir was per Nachnahme? Dann kommt die Erinnerung hoch: Bestellung bei Pearl, vor Ewigkeiten, schon abgeschrieben, da nie eine Bestätigung erhalten. Ich entscheide mich für “Annahme verweigert”, frage dann doch nochmal nach, ob der Postbote auch Euroschecks nimmt, er verneint bedauernd, seit 1.1. nicht mehr. Auf deutsch, seit 1.1. kann man Euroschecks als Zahlungsmittel weitgehend vergessen :-( . Also bleibt es bei “Annahme verweigert.”

Langsam wach werdend, Posteingang durchforsten. Feststellen, daß man da unverschämt günstige Druckerpatronen bestellt hat, für 1/3 des Preises, den man dann woanders bezahlt hat, weil man die Patronen gleich brauchte und nicht mit drei Wochen Verspätung. Entscheiden, daß man das Paket doch haben will. Bei der Auskunft die Servicenummer der Post erfragt – das Postamt selbst ist neuerdings nicht mehr gelistet. Nein, da könne man leider gar nichts machen, ich könne nur dem Postboten nachfahren. “Ja, aber ich kenne doch dem seine Route nicht!” Bedauern am anderen Ende.

Auto aus der Garage geholt, aufs Geratewohl die Nachbarschaft abgefahren. Und tatsächlich, welch Glück, nach vier Straßen das gelbe Postauto, aber ein anderes ist im Weg, Vorfahrt-Poker, Vorbeiwinken, mach schon, ich habe zwar Vorfahrt, aber ist jetzt auch schon egal. Postauto ist inzwischen abgebogen, hinterher. Unauffällig folgen, bis er den Warnblinker einschaltet und rechts ranfährt, um ein Paket abzugeben. Abfangen und erklären daß man das Paket nun doch will, aber nicht genug Geld dabei hat, ob er nicht eine Benachrichtigungskarte… Kann er. (Einen Cent für die Gedanken des Postboten… ;-) )

Dann in die Bäckerei eingekehrt, einen kleinen sizilianischen Zitronenkuchen gekauft. O-Ton Verkäuferin: “Den packe ich Ihnen noch extra ein, denn den mag nicht jeder.” (Das muß ich jetzt nicht verstehen, oder?)

Unverbraucht

Februar 8, 2002 um 1:37 pm | In Glas | Kommentare deaktiviert |

Da liegt sie vor mir, unverbraucht, unschuldig, ohne Kratzer und Schrammen. Noch weiß sie nichts von den engen Schlitzen der Lesegeräte, in die sie brutal hineingerammt werden wird, oder durch die man sie in schwindelerregendem Tempo durchziehen wird, von Magnetfeldern auf Transportbändern und ähnlichen Gefahren, die einer ec-Karte im modernen Zahlungsverkehr drohen. Heute kam sie, gerade rechtzeitig, denn gestern ist auch meine andere ec-Karte über den Jordan gegangen, und vermutlich liegt es an einer besonders energischen Mitarbeiterin des Einkaufszentrums im Nachbarort, denn der Sparkassen-Angestellten, die mir geduldig zehn Minuten lang meine Kontenbewegungen ausdruckte, ist dort das Gleiche passiert. 15 Jahre ec-Karte, und nie ist eine vor der Zeit unlesbar geworden – bis jetzt. Ich trau mich kaum, die schöne neue Karte in irgendeinen Automaten zu stecken. ;-)

Treffpunkt Wertstoffhof

Februar 5, 2002 um 5:22 pm | In Glas | Kommentare deaktiviert |

Wertstoffhöfe haben sowas angenehm sozial Nivellierendes. Jeder muß hin, auch und gerade die Geldigen, denn die sparen ganz besonders gern, und man erkennt sie nur am dicken E-Klasse-Mercedes (beliebt auf dem Land), denn die Kleidung ist bei allen eher zweckmäßig schlicht und schmutzabweisend.

An kaum einem anderen Ort erlebt man so viel Hilfsbereitschaft, wenn man wieder mal nicht weiß, wo dieser Teppichrest oder jenes Stück Pappe hinsoll, an kaum einem anderen Ort laufen einem die Männer freudig in Scharen entgegen, wenn man einen defekten Monitor mitbringt, der ja vielleicht noch verwendbar sein könnte, an kaum einem anderen Ort herrscht so konstruktiv-geschäftiges Treiben aller Generationen, Nationalitäten und sozialen Schichten. Jeder, der herkommt, wird Müll los, ein Stück Ballast, etwas, was einem lang im Weg umging, und fährt buchstäblich erleichtert wieder nach Hause – oder hat in der Wertstoffbörse ein gutes Schnäppchen machen können.

Jedesmal frage ich mich dann, warum ich die Tour eigentlich so lange aufschiebe, obwohl es doch, wenn man mal dabei ist, auf eine gewisse Art und Weise sogar Spaß macht. :-) Wäre doch mal ein neuer, unverbrauchter Trend: nach Tankstellenparties Wertstoffhof-Parties. Oder?

P.S.: Grantler gibt es da natürlich auch, wie überall. Ich erinnere mich noch gut an den Mitarbeiter der Stadtverwaltung, der mir vor ein paar Jahren, als ich mit einem VW Bus voller im Lauf der Jahre angestautem Umzugs-Schrott ankam, nicht glauben wollte, daß ich privat da war und nicht als Gewerbliche. Aber die sind deutlich in der Minderheit. :-)

Wind of Change

Februar 1, 2002 um 10:23 pm | In Pitu | Kommentare deaktiviert |

“Nur der Wandel ist beständig” lautete 1994 der Hauptslogan einer Werbekampagne eines früheren Arbeitgebers, und er beeindruckte mich schon damals. Eigentlich war es mehr als eine Werbekampagne, es war eine Philosophie, die unter dem Namen “Neue Kommunikation” das ganze Unternehmen umkrempeln sollte, aber letzlich blieben davon dann doch nicht wesentlich mehr als ein paar bunte Plakate, eine Präsentation im Frankfurter Palmengarten und ein Indianerzelt auf künstlichem Sand im Foyer. Und die Erinnerung an den Slogan, der, wie ich jetzt beim Googeln feststellen durfte, gar nicht neu war.

Wenn wir die Chancen zur Veränderung nicht selbst wahrnehmen, kommen die Veränderungen zu uns und überrollen uns dann, wenn wir nicht darauf gefaßt sind. Also ist es besser, den Zeitpunkt und den Ort selbst zu bestimmen.

Aber Veränderungen sind nie gemütlich oder bequem. Sie rütteln wach, sie treiben den trägen Bodensatz nach oben und rühren auch alte Ängste auf. “Es macht mir Angst, nicht zu wissen, was in zwei Monaten ist”, schrieb mir vor knapp einem Jahr ein Freund, seines Zeichens Beamter, der nicht wußte, an welchen von drei möglichen Orten er versetzt werden würde. Ich wußte nicht, ob ich in zwei Monaten meine Miete würde zahlen können, ohne ans Eingemachte zu gehen. Was wird jetzt in zwei Monaten sein?

Mal ehrlich, das wissen wir doch nie.

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